8. Mäerz

Internationale Fraendag

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1945-1970

Frauen für Frieden und Gerechtigkeit

Extremistische Frauenrechtlerinnen verlangen für die Frau nicht nur die gleichen Rechte hinsichtlich der Persönlichkeit und der Würde, sondern auch was den Arbeitsplatz betrifft und für die Ehe.“ 1

So warnt 1955 der CSV-Politiker Léon Bollendorff. Tatsächlich werden nach 1945 erneut Frauenorganisationen in Luxemburg gegründet, die sich gegen die Diskriminierung von Frauen wehren. Auch die europäische Idee begreift von Anfang an die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Arbeitsbereich: Die Römischen Verträge halten 1957 fest, dass die Mitgliedsstaaten der EWG das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit von weiblichen und männlichen Arbeitern sichern müssen.

Politikerinnen, die sich für die Rechte der Frauen einsetzen könnten, fehlen aber. Die Resistenzlerinnen, Gewerkschaftlerinnen, Ehefrauen von Politikern, die als Vorzeigefrauen mit auf die Wahllisten der Parteien genommen werden, haben keine Chance, gewählt zu werden. Das Frauenbild der Vorkriegsgeneration kollidiert mit dem Image der jungen, vordergründig modernen Familienmutter, welche die Politik den Männern überlässt, um sich dem Haushalt und der Kindererziehung zu widmen.

Neue Frauenorganisationen entstehen

Die Entstehung politischer Frauenorganisationen zeigt, dass dennoch in der politischen Sphäre die Dinge in Bewegung geraten sind. Auf Initiative von kommunistischen Frauen, die in der Resistenz aktiv waren oder aus Konzentrationslagern und der Umsiedlung zurückkehrten, wird 1945 zunächst die „Union des Femmes Luxembourgeoises“ (UFL) gegründet. Am 8. März des gleichen Jahres feiert sie zum ersten Mal den Internationalen Frauentag. Im Mittelpunkt steht dabei der Einsatz für die soziale Besserstellung der Arbeiterfrauen und die Gleichberechtigung der Frau. Später, zu Zeiten des Kalten Krieges, geht es vor allem um den Kampf für den Frieden und gegen die Gefahr eines Atomkrieges:2

In den Märzfeiern der ‚Union des Femmes’ treten die Frauen dafür ein, dass kein Krieg mehr das Glück unserer Familien und Kinder zerstört. Sie sind für die Entspannung und die friedliche Koexistenz, die allein Luxemburg eine glückliche Zukunft sichern können.“ 3

Auch die 1947 aus dem „Foyer de la Femme“ hervorgegangenen „Femmes Socialistes Luxembourgeoises“ (FS) stellen den Internationalen Frauentag in den Dienst der Propaganda für den Frieden. Die Themen des Internationalen Frauentages der sozialistischen Frauen sind in den darauffolgenden Jahren Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit: „Durch soziale Gerechtigkeit zum Weltfrieden“, „Für Frieden und Menschlichkeit“, so heißen die Parolen der Sektionen.

Die 1953 gegründeten „Chrëschtlech-Sozial Fraen“ und die im Jahre 1969 entstehende „Association des Femmes Libérales“ halten dagegen keinen Frauentag ab.

Der Kampf um die Gleichheit geht weiter

Bereits 1947 verweisen die „Femmes socialistes“ auf eine Empfehlung des „Bureau international du travail“, welche sich auf die Prinzipien „vollständiger Gleichstellung von Männern und Frauen gegenüber den bestehenden Arbeitsmöglichkeiten“ und „Lohnsätze ohne Unterschied des Geschlechtes“ beruft. In Luxemburg verdienen Frauen z.B. beim Staat per Gesetz für die gleiche Arbeit zehn Prozent weniger als die Männer.

Ebenfalls fordern die „Femmes socialistes“ ein Ende der Kampagne gegen erwerbstätige Ehefrauen:

Auch die Arbeit der verheirateten Frau darf nicht eingeschränkt werden und das ominöse Schlagwort vom Doppelverdiener, das sich ja bekanntlich nicht an die Frauen richtet, welche die schwere Arbeit des Waschens und Putzens bewältigen, muss seines aggressiven Inhalts beraubt werden.“ 4

Daneben beklagen die „Femmes Socialistes“ die Tatsache, dass Luxemburg in zivilrechtlicher Hinsicht zu den rückständigsten Ländern gehört:

Seit nahezu 150 Jahren beeinflusst der Code Napoléon unsere Zivilgesetzgebung und lässt die Frau in der untergeordneten Stellung rechtlicher Unmündigkeit. Wie ein Hohn klingt das Grundprinzip unserer Verfassung. ,Alle Luxemburger sind gleich vor dem Gesetz.’ […] Somit hätte der Internationale Frauentag seinen Kampfcharakter in mancher Hinsicht für uns noch nicht eingebüßt und wir werden mit neuen Kräften an die Verwirklichung der noch anstehenden Forderungen herangehen.“ 5

Endlich: Die Zivilrechtsreform kündigt sich an

Luxemburg hat sich bereits 1948 durch die Ratifizierung der Charta der Vereinten Nationen verpflichtet, seine Gesetzgebung dem Grundsatz der Gleichheit von Mann und Frau anzupassen. Doch erst 1963 arbeitet die „Commission d’études législatives“ im Auftrag der Regierung einen Gesetzesentwurf über die Rechte und Pflichten der Eheleute aus. Er gesteht der verheirateten Frau nur die Verwaltung ihres Erwerbseinkommens zu, nicht aber die Verfügung darüber. Die ehemännliche Autorität bleibt erhalten, die Ehefrauen müssen sich weiterhin unterordnen.

In den Augen der im Jahre 1962 gegründeten „Fédération Nationale des Femmes Luxembourgeoises“ (FNFL) stellt das ausgearbeitete Vorprojekt alles andere als

eine Reform dar.6 Im April 1965 beschließt dieVollversammlung der FNFL, ein Gegenprojekt auszuarbeiten, das sie innerhalb weniger Monate der Öffentlichkeit vorlegt.7 Die moralische und materielle Leitung des Haushalts müsse von beiden Ehepartnern geteilt werden und die Bezeichnung des Ehemannes als chef de famille [Familienvorstand] sei überholt.8

Unter dem Druck der Frauenorganisationen bringt Justizminister Eugène Schaus (DP) 1969 ein neues Gesetzesprojekt relatif aux droits et devoirs des époux et portant réforme des régimes matrimoniaux ein, das nun endlich auch das Gleichheitsprinzip anerkennt.9


1 Renée Wagener, Bye bye, Siegfried. Der lange Abschied der Luxemburger Frauen vom Patriarchat, in: „Not the girl you’re looking for. Melusina Rediscovered“, Luxembourg 2010, S. 223f.
2 40. Friedens- und Solidaritätsbasar der “Union des Femmes Luxembourgeoises” (UFL). Im Zeichen des internationalen Frauentages und des 65-jährigen Bestehens der UFL in: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek vom 12. März 2010.
3 Erklärung der „Union des Femmes Luxembourgeoises“ zum Internationalen Frauentag 8. März 1964.
4 Fraueninteressen in einer neuen Welt, in. Tageblatt vom 17. Mai 1947, S. 10 zitiert nach: Renée Wagener, Bye bye, Siegfried. Der lange Abschied der Luxemburger Frauen vom Patriarchat, in: „Not the girl you’re looking for. Melusina Rediscovered“, Luxembourg 2010, S. 230.
5 Tageblatt vom 22. März 1950.
6 Fédération Nationale des Femmes Luxembourgeoises plädiert für zivilrechtliche Gleichberechtigung der verheirateten Frauen, in: Escher Tageblatt vom 7. Oktober 1965, S. 3.
7 Ehe als Partnerschaft, in: Lëtzeburger Journal vom 7. Oktober 1965
8 Escher Tageblatt, op. cit., S. 3
9 Lynn Schmit, Le Mouvement de Libération des Femmes au Luxembourg après 1968, Mémoire de maîtrise, Université de Metz 2002, S. 37.
Renée Wagener, Bye bye, Siegfried. Der lange Abschied der Luxemburger Frauen vom Patriarchat, in: „Not the girl you’re looking for. Melusina Rediscovered“, Luxembourg 2010, S. 234f.


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