8. Mäerz

Internationale Fraendag

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1971-1989

Unter dem Pflaster liegt der Strand

An der 68er Bewegung, die in ganz Europa ausbricht, sind viele Frauen beteiligt, der Feminismus erlebt einen neuen Aufschwung. Durch die Anti-Baby-Pille wird nicht nur die Möglichkeit freier Sexualität gegeben, sondern auch Familienplanung wird zur Normalität. Die Neue Frauenbewegung propagiert Anfang der 1970er Jahre denn auch die Selbstbestimmung der Frau über Sexualität und Fruchtbarkeit als grundlegende Voraussetzung für die weibliche Emanzipation und fordert die Straffreiheit der Abtreibung.

Die Neue Frauenbewegung kämpft auch in Luxemburg

Auch die jungen Luxemburgerinnen stellen das traditionelle Geschlechterverhältnis in Frage. Sie wollen nicht mehr leben wie ihre Mütter, lehnen das Hausfrauenmodell der Fünfzigerjahre ab und wollen einen bezahlten Beruf ausüben. In Luxemburg fordern die Frauen zunächst aber vor allem die zivilrechtliche Emanzipation.

Die Verabschiedung der von der Regierung angekündigten Reform der Stellung der verheirateten Frau im Zivilrecht verzögert sich. Anfang 1972 sieht es gar so aus, als solle zwar die formale Gleichberechtigung der Ehepartner festgehalten, die Reform des Güterrechts aber ausgeklammert bleiben.

Vor diesem Hintergrund gründen sechzehn Frauen – viele von ihnen Juristinnen – den „Mouvement de Libération des Femmes“ (MLF).1 Der MLF mobilisiert mit Zeitungsartikeln, Flugblättern und offenen Briefen an Justizminister und Abgeordnete die Öffentlichkeit für die Gleichstellung der Frau.2 Durch die Frauendemonstration vor der Abgeordnetenkammer am 30. Mai 1972, an der sich neben dem MLF auch die „Femmes Socialistes“ (FS) und die „Union des Femmes Luxembourgeoises“ (UFL) beteiligen, gelingt es, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit darauf zu richten, dass die geplanten Neuerungen nicht die lang erwartete tiefgreifende Reform der Ehegesetzgebung enthalten. Damit verstärkt sich der Druck auf die CSV-LSAP-Regierung, und die gesamte Reform wird kurz vor den Wahlen von 1974 gestimmt.3

Neben der Eherechtsreform kämpft der MLF für die Vereinfachung der Scheidungsprozedur und setzt sich zunehmend für die Entkriminalisierung der Abtreibung ein. Im Jahre 1978, als die neue DP-LSAP-Regierung ein Gesetzesprojekt betreffend die Reform der Abtreibung vorlegt, wird der Internationale Frauentag in Luxemburg unter dem Motto „Entkriminalisierung der Abtreibung” zu einem Aktionstag. Auf der Place d’Armes findet eine Kundgebung für die Liberalisierung der Abtreibung statt.4

Das Gesetzesprojekt stößt bei allen konservativen gesellschaftlichen Akteuren auf heftigen Widerstand. Dennoch wird das Gesetz im Oktober 1978 von der Abgeordnetenkammer verabschiedet.5 Es basiert jedoch nicht, wie von verschiedenen Frauenorganisationen gefordert, auf dem Prinzip der Fristenlösung, sondern auf dem der medizinischen bzw. psychologischen Indikation.

Der Internationale Frauentag wird wieder gefeiert

Auf Initiative des MLF wird ab 1983 die Feier zum Internationalen Frauentag von verschiedenen Frauenorganisationen gemeinsam begangen:

Auf Einladung des MLF, den Internationalen Frauentag zu organisieren, waren am 17. Januar […] Frauenorganisationen erschienen. […] Auf jeden Fall waren sich die verschiedenen Organisationen einig darüber, dass eine gemeinsame Aktion nur den Interessen der Frauen nützen könnte, und den Internationalen Frauentag als Kampftag der Frauen stärker zur Geltung bringen könnte.“6

Am 5. März 1983 findet die erste gemeinschaftliche Aktion statt. Sie besteht aus einer Demonstration und einem anschließenden Meeting. Die Frauenorganisationen „Femmes Socialistes“, „Femmes en détresse“, „Mouvement de Libération des Femmes“, „OGBL-Fraen“ „Union des Femmes“, „Unione delle Donne Italiane/Esch“ sowie „Planning Familial“ rufen zur Kundgebung auf.

Unter dem Motto: Rechend mat de Fraen – nén zur Austerite’t erklären sich die feministischen Organisationen bei dieser Kundgebung solidarisch und protestieren gegen die Sparmaßnahmen der Regierung. 300 Personen finden sich auf der Place d’Armes ein, um sich dem Protestmarsch durch die Straßen der Oberstadt anzuschließen. Das Thema steht in Verbindung mit der Wirtschaftkrise der 1970/1980er Jahre, von der die Frauen besonders betroffen sind:

Im Arbeitsprozess werden Frauen immer noch als letzte eingestellt und als erste wieder entlassen, wenn, wie jetzt, die Profitraten nicht mehr stimmen. Ein elementares Recht, das Recht auf bezahlte Arbeit, wird ihnen streitig gemacht.“7

Dem Protestmarsch folgt ein Meeting im Cercle municipal, wo Vorträge von Referentinnen der jeweiligen Frauenorganisationen gehalten werden.8

Die Initiative, den Internationalen Frauentag gemeinsam zu begehen, wird von den linken Frauenorganisationen bis 1992 beibehalten.


1 Lynn Schmit, Le Mouvement de libération des femmes au Luxembourg après 1968, Mémoire de maîtrise, 2001/2002.
2 Danny Hoenen, Die Neue Frauenbewegung in Luxemburg oder: Die Entstehung des MLF, in: “Forum fir kritesch Informatioun iwer Politik, Kultur a Relioun”, Nr 103 (Juni 1988), S. 49.
3 Renée Wagener, Bye bye, Siegfried. Der lange Abschied der Luxemburger Frauen vom Patriarchat, in: „Not the girl you’re looking for. Melusina Rediscovered“, Luxembourg 2010, S. 233.
4 Tageblatt vom 13. März 1978.
5 Mouvement de Libération des Femmes, 10 Jahre MLF 1972-1982, Luxembourg, 1982, S.14
6 Versammlung des 17. Januar 1983. Vorbereitung zum Internationalen Frauentag, in MLF Archive 118.
7 Flyer Internationaler Frauentag 1983: Rechent mat de Fraen! Neen zur Austeritéit! in: MLF Archive 118.
8 Tageblatt vom 7. März 1983.


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